Anne Berest, Daniel Kehlmann und die Vor- und Nachteile literarischer Rekonstruktionen

Historische Romane haben Konjunktur. Nachwievor. Sie entführen die Leser (m/w/d) in Zeiten, an Orte und zu Personen, die die sich irgendwo im nirgendwo befinden. Das macht sie attraktiv und faszinierend. Die Möglichkeiten sind unendlich, die Auswahl groß und der Anspruch, sagen wir, unterschiedlich. Nicht an die historischen Recherchen, sondern an die literarische Be- und Verarbeitung.

 

Die Fiktionalisierung kann nobelpreiswürdig sein. Thomas Mann ist bekannt. Andere Autoren sind noch zu entdecken. Auch von mir. Henryk Sienkiewicz zum Beispiel oder… (Meine Leseliste wächst schneller als ich lesen kann.) Die Masse der historischen Romane erreicht das literarische Niveau nicht.

Gestalterische Vorteile

Dass die Fiktionalisierung der Geschichte(n) ihre Attraktivität erhöht, aber die Authentizität senkt, habe ich am Beispiel von „Lichtspiele“ analysiert. (Daniel Kehlmann hat für den Herbst eine neue Geschichte angekündigt, die sich wohl um die deutsche Rolle im Kolonialismus dreht.) Jedenfalls müssen sich Roman-Autoren nicht um „Quellen“ kümmern, Zitate finden und den Forschungsstand im Kopf haben. Sie können sich auf die Komposition konzentrieren, Figuren profilieren, Handlungsstränge konstruieren.

Familiäre Einschränkungen

Einschränkungen erfährt die Darstellungsform, wenn sie die eigene Geschichte, die der eigenen Familie und Angehörige betrifft. Sie werden bei der Re-Konstruktion ein Wörtchen mitreden wollen wie die Berest‘ in „Finistère“, das die Familiengeschichte väterlicherseits ergänzt. Anne Berest hat vor einigen Jahren eine Geschichte ihrer Vorfahren mütterlicherseits vorgelegt, die sich als Verfolgungsgeschichte entpuppte. Die Rabinovitch waren jüdischen Glaubens und gerieten in die Mühlen der deutschen Eroberungs- und Vernichtungspolitik.

Persönliche Wünsche

Dem Werk ließ die gefeierte Autorin im vergangen Jahr eine Fortsetzung folgen, die sie nach der bretonischen Heimat der Berest benannte. Bewusst schreibt sich die Pariserin regionale Wurzeln zu, die sich Städter gerne wünschen. Das Finistère ist einer der französischen Sehnsuchtsorte. Ebenso klar stellt sie sich in die Bildungstradition ihrer Vorväter und ihres Vaters, der der eigentliche Schreibanlass ist. (Insofern ist „Vatertage“ der passende Titel für die deutsche Übersetzung.)

Individuelle Bedürfnisse

Die Ergänzung der Familiengeschichte entpuppt sich als Autobiographie einer ungeliebten Tochter eines Vaters, dem Zahlen alles und Politik mehr zu bedeuten schienen als menschliche Beziehungen. Die Schilderung des linksradikalen Milieus der 70er Jahre führt eindrucksvoll vor Augen, was diese anti-bürgerlichen Einstellungen mit Familien und ihren Kindern machten. Den chronischen Beziehungsmangel füllte die Autorin mit alten Verbindungen und Geschichten. Sie geben ihr Halt. Sicherheit.

Professionelle Unterschiede

Es war eine Genealogin, die die Autorin aufforderte, Familienforschung zu betreiben, ihrem Stammbaum Fragen zu stellen und Geschichte zu schreiben. Gesagt, getan. Zunächst als „porte-plume“ für andere, dann bald auch für sich. Die „Postkarte“ und „Vatertage“ sind Antworten auf ihre Familiengeschichte, die mehr sein will, aber sie ist. Die Eindordnung des Persönlichen ins Größere bleibt anekdotisch, greift zu kurz, um über den Einzelfall hinauszuweisen. Erst der kritisch-reflektierte Umgang mit Erinnerung, Kontext und Bedürfnissen würde es zu Geschichtsschreibung machen. (cws)