Vom Können und Müssen: Überlegungen zu Ausstellungen und Museen

Was können Ausstellungen, was müssen Museen leisten?  

Sicher, Objekte zeigen, Besucher (m/w/d) begeistern und bereichern wie das Stadtmuseum jenes oberbayerischen Orts, der als Worpswede des Südens bekannt ist. Aufgrund seiner bergnahen Lage für Touristen wie Künstler attraktiv, verfügt er über eine bemerkenswerte Bildersammlung.

Vom 20. Jahrhundert…

Schöne, ja sehr schöne Expressionisten. Zumeist aus Privat- oder Stiftungsbesitz.
Folgt die Verteilung der Meisterwerke über zwei Etagen einer Logik? Die Hauptvertreterin, mit der alles begann, wie es im zweiten Stock heißt, ist auch schon im Ersten mit Bildern vertreten. Wo der Anfang der Ausstellung ist, erschloss auch Hochparterre nicht. Gegenüber dem Eingang oder ist der Eingang im Treppenhaus, nachdem der Besucher aus dem Keller kommt, wo er Taschen und Mäntel einzuschließen hat.

Egal, die berühmten Künstler-Namen ziehen zuverlässig Besucher an, die brav dem spärlich ausgeschilderten „Rundgang“ auch ins 2. OG folgen: „James Loeb / Malerei des 19. Jahrhunderts“ lesen sie am Eingang. Dunkle Schinken statt bunter Bilder?

zurück ins 19. Jahrhundert?

Nicht nur. Neben der Antikensammlung des Amerikaners, der Althistorikern durch die „Loeb Classical Library“ bekannt sein dürfte, sind auch wieder die Expressionisten vertreten. Allerdings mit Grafiken, also schwarz-weiß und keine Schinken 😉

Dass James Loeb wie – unterm Dach auch – Ödön von Horvarth mit einem eigenen Ausstellungsraum vertreten ist, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass sie wie die gezeigten Künstler zeitweise ortsansässig waren. Lokalität als Konzept?

Lokalität als Konzept

Warum nicht? In dieses Konzept würde auch die Haus- und Baugeschichte und die aktuelle Sonderausstellung eines Maler-Fotografen-Paares passen, die en passant und in einem Raum, der wohl für Sonderausstellungen vorgesehen ist, im Hochparterre zu bewundern sind. 

Ich wunderte mich, dass das Konzept nicht artikuliert und instrumentalisiert wurde: Denn die Leben und Werke der präsentierten Künstler erzählten eine zweite Geschichte, eine Geschichte vom Kommen und Gehen, von Dasein (dürfen) und dazugehören (wollen), von glückender Künstler- und scheiternder Schriftsteller-Integration. Horvarths Einbürgerungsgesuch wurde von staatlicher Seite abgelehnt. 

Geschichte hinter den Geschichten 

Ein Museum, das den lokalen Bezug zum erzählenden Programm macht, könnte mit den vorhandenen Bildern – entsprechend strukturiert und gehängt – die Geschichte der Personen illustrieren und mit den Texten ihre Geschichten erzählen: Sehnsüchte offenbaren, Abgründe zeigen und den Bezug zur Gegenwart herstellen: Migration ist ja ein aktuelles Thema.

Müssen Museen auch Geschichten erzählen? Geschichte erfahrbar machen? Reicht das Zeigen des Offensichtlichen – oder beginnt der Auftrag des Museums nicht genau dort, wo die Geschichte hinter der Geschichte sichtbar wird?

Mehr zeigen als man sehen will?

Angesichts der ausgestellten Meisterwerke verließen die meisten Besucher begeistert den Ort. Sie haben gesehen, was sie sehen wollten. Ob sie auch die Geschichte hinter der Geschichte gesehen haben? Aufgrund der Besucherführung, der Museumsstruktur und der Kontextualisierung der Objekte glaube ich, eher nicht. (Abb. in Anlehnung an die gezeigte „Schneeschmelz“, aber Anno 2023)

Schmaler Streifen Schnee auf grüner Wiese mit zwei Skitourengängern.