„Millionen stehen hinter mir“, lautete das Motto einer Fotomontage, die im Oktober 1932 veröffentlicht wurde: Sie zeigte Adolf Hitler mit charakteristischem Gruß und einen übergroßen Anzugträger, der ihm Geld in die Hand legte. Die Illustration „entlarvte“ nicht nur den „Sinn“ des Hitler-Grusses, Untertitel: „Kleiner Mann bittet um große Gaben“, sie insinuierte auch, dass die Wirtschaft hinter der Politik der Nationalsozialisten steht.
Zusammenarbeit der Rechten
Tatsächlich haben sich zu der Zeit fast ein Dutzend Spitzen-Manager, Unternehmer und Verbandsvertreter IN der Partei engagiert, um die nationalsozialistische Wirtschafts- und Finanzpolitik in die richtige, anti-sozialistische Richtung zu lenken. Aus dem sogenannten Keppler-Kreis ist auch die Initiative für jenes Treffen entstanden, das als Geburtsstunde für das Dritte Reich gilt: „Wir müssen eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit der Rechtsparteien finden.“
Gespräche führen, Einfluss nehmen, Druck ausüben
Vor diesem historischen Hintergrund wird die aktuelle Aufregung verständlich, die der Einladung der neuen Rechtsextremen durch den Familienunternehmer-Verband folgte: Wieder sucht „die“ Wirtschaft das Gespräch, versucht, Einfluss zu nehmen, und bricht den Bann, den die Politik als „Brandmauer“ nur mit Mühen aufrechterhält.
Roter Teppich für die neuen Rechten
Mal abgesehen von der Tatsache, dass es Aufgabe dieser und jener pressure group ist, das Gespräch zu suchen, Druck auszuüben usw., stellt sich die Frage, ob den Verbandsoberen noch die Form der Veranstaltung als etwas Außergewöhnliches bewusst ist. Parlamentarische Abende rollen ausgewählten Abgeordneten mit entsprechenden Funktionen den roten Teppich aus, stellen weiß gedeckte Tafeln mit Silber auf und laden zu informellen Exklusiven-Gesprächen ein, von denen nichts nach außen dringt. Das ist der Deal.
Vorbild für Familienunternehmen?
Ob diese Art des Lobbying erfolgreich ist, sei dahingestellt. Die vielfältigen Möglichkeiten im politischen Berlin den Rechtsextremen die Stirn zu bieten, war den Funktionären jedenfalls nicht mehr genug. Es musste eine Einladung zum Fest der Feste sein. Dass die Aufwertung nicht nur bei den Mitgliedsunternehmen des Verbands Fragen aufwirft, liegt auf der Hand. Sind die Vertreter der Rechtsextremen ab sofort auch zu den anstehenden Jubilar- und Weihnachtsfeiern einzuladen? Üblicherweise beschränken sich diese Einladungen auf lokale Amts- und Würdenträger.
Dilemma der Demokraten
Auch, um diese Partei nicht hofieren zu müssen. Sie erscheint ja nicht nur in den Augen des Verfassungsschutzes als „gesichert rechtsextremistisch“, wenngleich die Abgeordneten demokratisch, durch freie und geheime Wahlen, legitimiert und zur Repräsentation des Teils des Souveräns beauftragt sind, der sie gewählt hat. Und diese Wähler finden sich überall, auch in den Unternehmen.
Normalisierung der Illiberalen
Dass der Verband der Familienunternehmer einen weiteren Schritt zur Normalisierung der Rechtsextremen unternommen hat und eine „Vordenkerin“ des rechten Think-Tanks R21, die mal christdemokratische Ministerin war, die Einladung für normal hält, lässt sich als Aufforderung an die Mitgliedsunternehmen lesen. Oder reflektiert die Einladung die Forderung eines Teils der Mitgliedsunternehmen? Jedenfalls müssen die Unternehmen eine Position beziehen, die in wohlfeilen Werbe-Anzeigen einfacher einzunehmen war, als in der Praxis vor Ort einzuhalten ist. Insofern haben die Funktionäre den Familienunternehmen einen Bärendienst erwiesen. (Was politisch immer bedacht werden muss = Die Zukunft der Erinnerung – oder: Wie das kollektive Gedächtnis in Deutschland auszusehen hat.)